Von stillen Helden – Besuch der Referendare in der Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen MFG5-Gelände

"Auf dem ehemaligen MFG5 Gelände in Holtenau ist eine große Flüchtlingsunterkunft? Was? 800 geflüchtete Menschen leben dort? Nein, das war mir nicht wirklich bewusst." So oder ähnlich haben selbst die alt eingesessenen Kieler_innen unter den LiV reagiert, als unser Vorhaben für den Netzwerktag am 13.07. mitgeteilt wurde:
Wir wollten das Jugendhaus Schusterkrug besuchen - Unterkunft für ca. 30 unbegleitete minderjährige Geflüchtete - und anschließend eine Führung über das stillgelegte MFG5 Gelände erhalten, auf dem zur Zeit um die 800 geflüchtete Menschen leben.
Es sollte ein Tag werden geprägt von eindrucksvollen Menschen.
Die Leiterin des Jugendhauses, Frau Becker, war die erste dieser Art. Eine beeindruckende Handlungskompetenz ausstrahlend, untermauert von viel Fachwissen, erzählte sie in wertschätzender Art und Weise vom Alltag mit 30 geflüchteten, meist traumatisierten Jugendlichen.
„Die Jungs hier tragen alle ihren Koffer- jeder seinen", waren ihre Worte auf unsere Frage nach individuellen Fluchtgeschichten. „Die Jungs kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und einige wenige aus Eritrea- ihre Flucht dauerte von Stunden bis Jahre; je nachdem, ob sie durch gefälschte Pässe mit dem Flieger gekommen sind oder zu Fuß über die Balkan- Route."
Schwierig in ihrem neuen Leben ist für einige Jugendliche das Einhalten fester Zeiten, was Frau Becker mit normaler Grenztestung Jugendlicher professionell gelassen erklärt und in der praktischen Umsetzung wertschätzende Konsequenz walten lässt, indem es zum Beispiel um 17.00 Uhr KEIN Mittagessen mehr gibt, und das Taschengeld erst um 16.00 Uhr und nicht um 15.50 Uhr ausgezahlt wird.
Den richtigen kulinarischen Geschmack der Jugendlichen herauszufinden, stellte das Personal vor einige Schwierigkeiten; überbackener Camembert war jedenfalls kein Treffer, erzählte Frau Becker.  Schnell kristallisierten sich folgende Basics heraus: Schärfe, Weißbrot und Eier! Ohne diese drei Komponenten wird das Essen, das alle gemeinsam einnehmen, verschmäht.

 Nach einer guten Stunde wurden wir von Linus und Mohammad abgeholt, die uns über das weitläufige MFG5 Gelände führen sollten. Mohammad ist der zweite beeindruckende Mensch an diesem Tag: 23 Jahre alt, Syrer, abgeschlossenes Studium im Fach Arabisch. Er floh vor den selbst für ihn verworrenen, jedoch brandgefährlichen Verhältnissen in Syrien vor drei Jahren in die Türkei. Dort lernte er Türkisch  in Sprachkursen, die er sich durch harte Nebenjobs finanzierte. Auf unsere Frage nach einem sozialen Auffangnetz für Flüchtlinge in der Türkei lächelte er verlegen. Mohammad setzte von der Türkei aus seine Flucht nach Deutschland fort (in Anlehnung an Frau Becker hielten auch wir uns hier mit Detailfragen zurück). Seit 1 1/2 Jahren lebt er in Kiel und spricht inzwischen so gut Deutsch, dass er beim Roten Kreuz beschäftigt ist und Deutschkurse für Geflüchtete in Arabisch erteilt.
Auf unserem Rundgang über das Gelände der ehemaligen Bundeswehrunterkünfte trafen wir auf Person Nr. 3, die bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen sollte:  Auf den „Postmann"!
Der „Postmann" handelt nicht etwa im Auftrag der Deutschen Post, sondern, er hat auf ehrenamtlicher Basis seine ganz eigene, länderübergreifende Postfiliale im Untergeschoss einer der Wohnblöcke errichtet. Jeden Tag erreichen hunderte von Briefen die Geflüchteten im Schusterkrug, z.T. zukunftsentscheidende Post vom Amt für Migration; die Zimmer, in denen die geflüchteten Familien leben, haben jedoch keine Briefkästen. Kurzum organisierte der „Postmann" einen ausrangierten Holztresen von der Polizei, 8x Skubb von Ikea und die obligatorischen Post- Hinweisschilder ergänzt durch die arabische Bezeichnung des Wortes Post. Nach wenigen Wochen Anlaufzeit hat sich diese privat organisierte Poststelle zu einer zentralen Anlaufstelle etabliert; eine Anlaufstelle für Post und Zwischenmenschlichkeit.
Ein weiteres Highlight, das wir zu sehen bekamen, war der Kindergarten, der sich ebenfalls in einem der Wohnblocks befindet. Die AWO hat kurzerhand eine Erzieherin und einen arabisch sprechenden Sozialpädagogen für die anspruchsvolle Arbeit im Schusterkrug gewinnen können.
Als herausfordernd empfindet die Erzieherin u.a. die Verständnisschwierigkeiten, die z.B. zeitliche Absprachen mit den Eltern erschweren, und sie bemerkte die z.T. differierende Erziehungsweise zwischen dem demokratiepädagogischen Ansatz der AWO und dem eher restriktiven Umgang mit Kindern in einigen geflüchteten Familien. Schwer fiel ihr zu Beginn ihrer Zeit im Schusterkrug der Umgang mit den sich ganz unterschiedlich auf die Kinder auswirkenden Traumata der Flucht. So ziehen sich einige Kinder urplötzlich zurück, oder sie zeigen unerwartet extreme Trennungsängste. Mit einer gesunden Portion Gelassenheit, viel Wärme und Verständnis stellt sie sich mit Ihren Kolleginnen und Kollegen diesen Herausforderungen und leistet so einen unermesslichen Beitrag zur Integration- die vierte Person, vor der wir heute den Hut gezogen haben!

 Dieser Netzwerktag hat bleibenden Eindruck bei allen Teilnehmern hinterlassen; sowohl bezogen auf die geflüchteten Menschen, die z.T Traumatisches erlebt haben, als auch auf die vielen Menschen in Kiel, die selbstlos und selbstverständlich im Auftrag der Menschlichkeit Großes leisten. Chapeau und eine Riesenportion Respekt möchten an dieser Stelle die LiV des RBZ1 aussprechen! Vielen Dank an die Organisator_innen Mona und Achim.

Von Isabel Reimer

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