Cambridge-Austausch

Als das Angebot von unserer Schule herein kam, ganze zweieinhalb Wochen nach Großbritannien zu fliegen, trug ich mich sofort in die Liste der Interessenten ein. Mit meinem Betrieb gab es keine Probleme, ganz im Gegenteil. Man befürwortete diese Reise und unterstützte mich, wo man nur konnte. Doch nach dem ersten Treffen mit den Lehrern und den anderen Reisenden, schlichen sich erste Zweifel bei mir ein. Sollte ich wirklich mitfahren? Es stand – für einen Auszubildenden – eine Menge Geld auf dem Spiel. 150 € Selbstbeteiligung und mindestens 300 € Taschengeld. England ist ein Land mit hohen Lebenskosten. Außerdem musste ich meine wertvollen Urlaubstage aufbrauchen. Das alles nur um meine Sprachkenntnisse zu erweitern und die britische Kultur kennenzulernen? Doch meine Chefin, meine Gesellen und letztendlich auch meine Mitschüler redeten mir immer wieder gut zu und so beschloss ich, die Zweifel hinter mir zu lassen und mitzufliegen.

Am Montag den 18. April 2016 ging es dann los. Wir trafen uns alle gemeinsam bei uns an der Schule und wurden nach Hamburg gefahren. Auf der Reise dorthin und dem anschließenden Flug nach Luton lernte sich die Gruppe sehr schnell kennen. Wir waren Tischler, Zimmerer und bautechnische Assistenten verschiedensten Alters und mit verschiedensten Interessen, aber wir haben sehr gut harmoniert. Im Bus von Luton nach Cambridge saßen wir dann bereits mit unseren Zimmernachbarn zusammen und stiegen gemeinsam aus als man uns direkt vor der Haustür unserer Gastfamilien absetzte. Ein sehr schöner Service. Die meisten von uns beließen es am ersten Abend Dabei, mit den Gasteltern zu reden und ihre Sachen auszupacken. Einige wenige zog es aber noch einmal in die milde Frühlingsnacht hinaus um die Gegend und vor allem den Fußweg zum College zu erkunden.

Unser erster Schultag war gut organisiert und man empfing uns sehr herzlich. Wir hatten trotz der Tour durch das Cambridge Regional College keinen Schimmer, wo genau wir uns in dem großen, unübersichtlichen Gebäudekomplex befanden, aber die Lehrer und Schüler halfen uns immer gerne weiter und nach ein paar Tagen hätten wir die Wege zu den Klassenräumen und Werkstätten schon mit verbundenen Augen gefunden.

Während der ersten Woche waren wir vor allem mit den englischen Schülern zusammen um uns kennenzulernen und auch um voneinander zu lernen. So merkten wir schnell, dass wir den Engländern im praktischen Bereich schon weit voraus waren. Einmal halfen ich und ein weiterer aus unserer Gruppe einem der englischen Schüler dabei eine einfache Pfostenkonstruktion zusammenzuschrauben. Schnell übernahmen wir alle Aufgabenbereiche und der englische Schüler stand nur daneben und bewunderte unsere Arbeit.

Eine Stunde Sprachunterricht, bei der wir hauptsächlich die englischen Höflichkeitsfloskeln und die Bezeichnungen der Werkzeuge, mit denen wir täglich umgingen, lernten, ein Besuch auf einer Baustelle, bei der unsere bautechnischen Assistenten gar nicht aufhören konnten mit den englischen Bauherren zu fachsimpeln, und ein kleiner CAD Kurs, bei dem wir schon stattliche Gebäude planten, rundeten die Schulwoche ab. Eine kleine Tour durch Cambridge am Montagabend brachte uns die wichtigsten Orte näher, doch wir hatten erst am Wochenende wirklich Zeit, uns die kulturellen Schätze Cambridges genauer anzusehen. Das Fitzwilliam Museum zum Beispiel hielt eine ganze Menge Bilder, Statuen und auch Möbel aus der Weltgeschichte für uns bereit. In den verschiedensten Pubs die wir besuchten, kamen wir nicht nur in den Genuss englischer Brausondern auch englischer Baukunst. Denn wir konnten uns mal die Bauweise der Dachkonstruktionen und andere Dinge genauer ansehen und mit unseren Lehrern über die Sinnhaftigkeit dieser diskutieren.

Da Fußball ja auch zur englischen Kultur gehört möchte ich auch kurz über die beiden Spiele schreiben die wir in dieser Zeit gesehen haben. Zum einen wäre da das deutsche Nordderby zwischen dem Hamburger SV und dem SV Werder Bremen zu erwähnen. Wir hatten einige Fans beider Vereine in unsere Gruppe und so war es ein Muss, dieses Spiel zu sehen. In dem Pub, in welchem das Spiel ausgestrahlt wurde, merkten die englischen Gäste schnell, wo wir herkamen. Denn wir sorgten nicht nur für ein hohes Abendeinkommen sondern vor allem für laute und ausgelassene Stimmung die schnell auf die englischen Gäste überschwappte.

Zum anderen schauten wir uns auch ein englisches Spiel live an. Dazu fuhren wir in das Stadion von Cambridge und beobachteten das Spiel zwischen der Heimmanschaft und einer Mannschaft aus Plymouth. Ich glaube jeder deutsche Fußballer hätte bei diesem Spiel die Hände über den Kopf Geschlagen, weil so viele Fouls nicht gepfiffen wurden. Oder ist unser Fußball nur zu weich geworden?

Die zweite Woche begann mit einem kleinen Test. Wir hatten einen Klempnerkurs und mussten dort jeder für sich eine Rohrverbindung bauen. Diese haben wir dann alle aneinander gefügt, uns um den Kopf gehangen, an einen Wasserschlauch angeschlossen und geschaut wie gut wir gearbeitet haben. Mit Stolz kann ich verkünden, dass niemand nass wurde!

Am Dienstag haben wir dann nochmal mit den englischen Schülern zusammengearbeitet um uns auf die Challenge am Freitag vorzubereiten. Doch bis es zu diesem Höhepunkt kam standen erst noch zwei Ausflüge auf dem Plan. Am Mittwoch fuhren wir in das BRE und lernten dort allerhand über energieeffizientes Bauen und Wohnen. Der Donnerstag bescherte uns dann eine äußerst Interessante Fahrt nach Herringswell zum Sägewerk Ridgeons. Die Arbeitsabläufe dort sind unseren sehr ähnlich. Es ist schön zu sehen,  welche vielfältigen Möglichkeiten der Beruf des Tischlers oder Zimmerers mit sich bringt, denn die Arbeit in diesem Sägewerk schien spannend und fordernd zugleich zu sein.

Am Freitag war es dann also soweit. Ein Wettkampf zwischen deutschen und englischen Handwerkern. Wer würde es schaffen in kurzer Zeit die bessere Dachkonstruktion zu bauen? Voller Motivation erschienenen wir in der Werkstatt doch da sagte man uns, dass die englischen Schüler zurzeit ihre Prüfungen schrieben und nicht am Wettkampf teilnehmen konnten. Das war aber der einzige organisatorische Ausrutscher in diesen zweieinhalb Wochen. Doch wie wir Handwerker nun mal sind, jammerten wir nicht lange rum, sondern machten das Beste aus der Situation. Nämlich einen Wettkampf unter uns mit gemischten beruflichen Gruppen.

In der letzten Woche fuhren wir am Montag noch mit dem Zug nach London. Neben einer gemeinsamen Führung vom Freimaurergebäude, über den Covent Garden bis zur Westminster Abbey, konnten wir uns in kleinen Gruppen auch für unterschiedliche Ziele zusammentun. So nahm jeder für sich das wichtigste mit und nach einem kühlen Bier in einem der ältesten Pubs in London – dem Lamb and Flag – traten wir auch schon wieder den Rückweg an. Den Dienstag nutzte dann jeder ganz individuell zum Souvenirs shoppen oder im Park faulenzen und am Mittwoch ging es dann wieder gut organisiert nach Deutschland zurück.

Auch wenn ich mir gewünscht hätte, mir mehr englisches handwerkliches Know-How während dieser Fahrt anzueignen, muss ich doch sagen, dass sich diese Fahrt völlig gelohnt hat! All die Eindrücke und neuen Erfahrungen, die ich gesammelt habe, all die freundlichen Leute, die ich kennen lernen durfte und all die kuriosen englischen Eigenheiten, die meinen Horizont erweitert haben, bestärken mich nur wenn ich sage: manchmal muss man seine deutschen Zweifel, die man ständig hat, einfach mal über Bord werfen und kopfüber in ein Abenteuer springen.

Clemens Pausch

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