Babypuppenprojekt

Wie fühlt es sich an, Mutter oder Vater eines Kleinkindes zu sein? Wie anstrengend, nervenaufreibend und kräfteraubend ist es? Aber auch: Wie viel Spaß kann es machen, sich um ein Kind zu kümmern? All diese Fragen haben wir uns gestellt, bevor wir in die Eltern-Probezeit gestartet sind.

Sechs Schüler der BGEW14b haben sich getraut, sich vier Tage und vier Nächte entweder allein oder mit einem Partner gemeinsam um eine Babypuppe zu kümmern. Eine Babypuppe ist ein Babysimulator, der nach Aufmerksamkeit verlangt. Die Puppe kann Geräusche machen, sie schreit oder quengelt. Wenn das geschieht muss man sich um sie kümmern. Dann will sie gewickelt werden, hat Hunger oder muss ein Bäuerchen machen. Manchmal will sie auch einfach nur gewiegt werden und beruhigt sich nach einer Weile wieder.

Wir mussten also ausprobieren, was unserem Kind gerade fehlte, um es wieder glücklich zu machen und damit auch wieder »ruhig zu stellen«, auch nachts.

Der Babysimulator funktioniert mit Sensoren, die sich am Nacken, Po, Bauch und an der Brust befinden. Wir Schüler hatten jeder ein Armband mit einem Sensor passend zu unserem Baby. Mit diesem mussten wir, wenn das Baby schrie, an die Sensoren des Babys gehen, um dann eine Aktion ausführen zu können, also um zum Beispiel Wickeln zu können.

Zum Wickeln hatten wir zwei Stoffwindeln, die immer abwechelnd getragen wurden und die auch mit Sensoren ausgestattet waren. Genauso gab es Fläschchen zum Füttern, die mit Sensoren ausgestattet waren. Außerdem gab es auch sogenannte Stillpads, die man sich an das eigene T-Shirt klippen konnte, um dann so echt wie möglich das Stillen nachzuempfinden.

Wir haben die Eltern-Probezeit in einem Seminar mit Daniela le Grand gemacht, die als einzige selbstständige Person in Deutschland dieses Projekt anbietet. Sie besitzt sieben von den Babypuppen, wobei jede 1500 € kostet, und das nötige Zubehör.

Der Donnerstag Vormittag diente Kennenlernen, bevor wir dann die Babypuppen bekamen. Wir haben sie dann mit nach Hause genommen und die erste Nacht mit den Babys verbracht. »Höre ich das Baby, wenn es schreit oder schlafe ich einfach weiter?« Das war eine Frage, die vor allem mich sehr beschäftigte. Ich habe einen sehr tiefen Schlaf und wache nicht so schnell von Geräuschen auf. Diese Befürchtung stellte sich dann als völlig unberechtigt heraus, als das Baby zum ersten mal in der Nacht schrie. Ich wurde wach, um dann herumzuprobieren. Will das Baby gewickelt werden, hat es Hunger oder ist es einfach nur nörgelig? Oft musste man dann direkt mehrere Aktionen hintereinander durchführen, erst Füttern, kurze Zeit später Bäuerchen, danach dann noch Windeln wechseln. Das konnte dann schon mal eine ganze Stunde in Anspruch nehmen und das mitten in der Nacht. Da ist man am nächsten Morgen nicht unbedingt total fit und sprüht vor Energie, aber es steht ja der nächste Seminartermin mit Daniela le Grand an. Also rechtzeitig aufstehen, sich selbst duschen und dabei hoffen, dass das Baby, bitte, bitte, nicht genau in dem Moment anfängt zu schreien, frühstücken und zwischendurch auch dem Baby Essen geben. Dann geht es zum Bus, der glücklicherweise alle zehn Minuten fährt, denn auf dem Weg zur Bushaltestelle fängt das Baby wieder an zu schreien und möchte gewickelt werden. Tja, das muss dann halt auch mal auf dem Gehweg gehen, allerdings dauert das schon so seine Zeit, sodass der Bus dann plötzlich unverhofft an einem vorbeisaust. Anstatt, dass man den Bus rechtzeitig bekommt, kriegt man dann eher komische oder interessierte Blicke zugeworfen oder auch mal den ein oder anderen blöden Spruch zu geworfen. Ein Spruch, den ein »Elternpaar« von uns zu hören bekam war zum Beispiel: «Guck mal die zwei Mädchen mit dem Nigga-Baby«; nicht besonders nett. Aber es gab auch viele nette Bemerkungen, was uns sehr überraschte. Vor allem ältere Frauen interessierten sich für unseren »Nachwuchs« und wollten wissen, wie alt das Kind denn sei und wie es heiße. Dann erklärten wir oft unser Projekt, manchmal taten wir aber auch einfach so, als hatten wir ein lebendiges Baby dabei. Gerade wenn man die Babypuppe in einem Tragetuch vor dem Bauch trägt, sieht man nämlich nicht sofort, dass es nicht echt ist.

So konnte man auch gut Freunde ein bisschen schockieren, wenn man ihnen nicht von dem Projekt erzält hatte. Ich habe mich zum Beipeil mit ein paar Freunden getroffen, die nichts davon wussten und dementsprechend im ersten Moment verwirrt waren. Ich hatte Glück, sie fanden das Projekt sehr interessant und haben mir an dem Abend auch viel Arbeit abgenommen, indem sie auch mal das Baby gewickelt oder gefüttert haben. Allerdings ist man in der Zeit mit der Babypuppe natürlich auch eingeschränkt. Mit Freunden treffen geht da vielleicht noch, wenn diese kinderfreundich sind und kein Problem damit haben, dass ab und zu das Baby schreit und man sich dann darum kümmern muss. Andere Aktivitäten wie Arbeit, Sport oder andere Hobbies sind da schon schwieriger auszuführen. Diese sind eigentlich nur umzusetzten, wenn man nicht »alleinerziehend« ist. So haben wir es genannt, wenn man sich allein um ein Baby gekümmert hat im Gegensatz zu den »Elternpaaren«, die zu zweit ein Baby hatten. Da konnte man sich zum Beispiel tagsüber abwelchseln und die Nächte gemeinsam verbringen. So konnte auch anderen Aktivitäten nachgegangen werden, zumindest an einigen Tagen.

Wir haben uns natürlich nicht nur am Donnerstag und Freitag mit Daniela le Grand getroffen, sondern auch am Samstag bei Ikea. Hier haben wir uns angeguckt wie viel eigentlich eine Erstausstattung für ein Baby ungefähr kostet. Vorher haben wir zusammen gefrühstückt und weiter über Themen wie Verhütung, Geburt, Abtreibung, Babypflege, Lebensplanung und die Babyklappe gesprochen.

Die Babyklappe des städtischen Krankenhauses in Kiel haben wir dann auch am Montag alle gemeinsam besucht. Hier konnten wir sehen, wo das Kind abgelegt wird und was dann mit ihm passiert. Uns wurden die Räumlichkeiten gezeigt und im Anschluss daran konnten wir Fragen stellen. Dabei haben wir unter anderem viel über die anonyme und vertrauliche Geburt erfahren. Wir haben festgestellt, dass wir vorher eigentlich fast nichts über die Babyklappe wussten, es aber sehr spannend fanden. Auch für das Krankenhaus und die Menschen, die dort arbeiten war es neu, Besucher zu empfangen und ihnen die Babyklappe zu zeigen und zu erklären. Sowohl sie als auch wir fanden das Treffen sehr gelungen, weswegen wir finden, dass man solche Besuche ruhig in der Schule einführen sollte. Die meisten Jugendlichen wissen einfach viel zu wenig über dieses Thema, also wie die Babyklappe und alles, was dazu gehört, funktioniert. Gerade für unsere Schule, das RBZ1, bieten sich solche kurzen Ausflüge an, da wir zum einen die Schwerpunkte Soziales, Ernährung und Bau haben und außerdem in fünf bis zehn Minuten zu Fuß bei der Babyklappe sind.

Nach dem wir die Babyklappe besichtigt haben, sind wir zurück zur Schule gegangen, haben dort ein Quiz gemacht und unsere Zertifikate für die Eltern-Probezeit bekommen, um dann die Babypuppen wieder abzugeben. Dabei stellten sich gemischte Gefühle ein. Einerseits war man froh, wieder »frei« zu sein, also seine Zeit frei gestalten zu können. Andererseits war man aber auch ein bisschen traurig, das Baby wieder abgeben zu müssen, weil man es, so komisch es klingen mag, lieb gewonnen hatte.

Alles in allem war es eine wirklich tolle Erfahrung, die wir alle nicht missen wollen. Deswegen möchten wir uns hier auch noch einmal bei allen bedanken, die es uns ermöglicht haben, das Projekt durchzuführen, vor allem aber bei Daniela le Grand und am meisten bei Frau Ute Riemer, unserer Gesundheitslehrerin, die uns erst einmal auf das Projekt aufmerksam gemacht hat und sich dafür eingesetzt hat, dass es stattfindet. Danke!

 

Verfasst von Louise Dau mit Hilfe von Lilly Busche, Pia Ulbricht, Matheus Block, Gizem Özcelik und Svenja Gundelach (BGEW14b)

 

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